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Allgemein- Winterstrom

(Bild: KI-generiert)

Ohne Wind kein Fortschritt – warum die Schweiz sich selbst im Weg steht.

Wenn wir heute über die Energiezukunft der Schweiz sprechen, geht es längst nicht mehr um ein “Entweder-oder”. Es geht um ein “Sowohl-als-auch“. Photovoltaik ist die Erfolgsgeschichte der letzten Jahre. Sie sind sichtbar auf Dächern, Fassaden und teils auf Alpenhängen. Die Kosten sind stark gefallen, die Technologie hat sich etabliert und die Produktion wächst. Doch trotz aller Fortschritte bleibt ein entscheidendes Problem ungelöst: Wir haben im Winter zu wenig Strom. 

Die Schweiz produziert heute im Sommer deutlich mehr Elektrizität als sie verbraucht. Dies dank Laufwasserkraft und immer mehr Photovoltaik. Doch im Winterhalbjahr sieht es anders aus: weniger Sonne, kürzere Tage, höhere Nachfrage durch Wärmepumpen und Elektromobilität. In dieser Zeit importieren wir in der Schweiz traditionell grössere Mengen Strom aus dem Ausland – auch aus Gas- und Kohlekraftwerken, Tendenz steigend. 

Wenn die Nachbarländer aber selbst mit Engpässen kämpfen (Deutschland zählt bereits heute dazu), wird die Schweiz verwundbar. Wer strategisch denkt, erkennt: Ein Land, das im Winter nicht genügend Strom produzieren kann, ist erpressbar. Und genau hier kommt die Windkraft ins Spiel. 

Windkraft als natürliche Ergänzung zur Photovoltaik 

Windkraft und Solarenergie sind keine Konkurrenten, sondern Partner. Während die Sonne vor allem im Sommerhalbjahr Strom liefert, erreicht die Windkraft ihren Höhepunkt im Winter. Über 40 % der Jahresproduktion von Windanlagen fallen in den kritischen Monaten zwischen November und Februar an. Der Abfall kommt genau dann, wenn die PV-Anlagen am wenigsten beitragen (12% der Jahresproduktion), denn anders als die Sonne produziert der Wind auch nachts. 

Das macht Windkraft zur idealen Komplementärtechnologie: Sie gleicht die saisonale Schwankung der Solarenergie aus, erhöht die Versorgungssicherheit und stabilisiert das Netz. Je mehr Solarstrom wir zubauen, desto wichtiger wird diese Ergänzung. 

Gleichzeitig helfen Windanlagen, teure Speicherinvestitionen zu reduzieren. Denn je besser die Erzeugung über das Jahr verteilt ist, desto weniger Energie muss gespeichert oder importiert werden. Das ist nicht nur eine technische, sondern vor allem eine strategische Überlegung – eine Frage der Souveränität und Systemstabilität. 

Technisch ausgereift und zuverlässig 

Windkraft ist keine neue Technologie, sondern eine industriell erprobte und stetig weiterentwickelte Form der Energiegewinnung. Moderne Anlagen erreichen heute Wirkungsgrade und Zuverlässigkeiten, die noch vor 20 Jahren undenkbar waren. 

Aktuelle Turbinen haben Nabenhöhen von 150 Metern oder mehr, und können in der Schweiz an guten Lagen bis zu 3’000 Volllaststunden im Jahr liefern. Diese Turbinen produzieren substanziell mehr Energie als noch vor 10 Jahren. Die Geräuschentwicklung wurde stark reduziert, die Materialkreisläufe verbessert, und viele Komponenten sind heute recycelbar. 

Windkraftwerke sind zudem fernsteuerbar und regelbar. Sie können im Bedarfsfall ihre Leistung anpassen und tragen so zur Netzstabilität bei. Gerade dieser Aspekt wird im künftigen Schweizer Energiesystem mit hohen Anteilen fluktuierender Produktion zentral sein. 

Schweizer Windverhältnisse – kein Sturmrevier, aber genug Potenzial 

Natürlich ist die Schweiz kein Küstenstaat mit stetigem Wind. Die mittleren Windgeschwindigkeiten liegen vielerorts unter jenen in Norddeutschland oder in der Nordsee. Aber das bedeutet nicht, dass Windkraft hier keinen Platz hat. 

Wind ist eine Höhenfrage: Je höher die Turbine, desto konstanter und stärker die Strömung. Während in 50 Metern Höhe oft nur mässiger Wind weht, sind es in 100 Metern bereits deutlich bessere Bedingungen. Neue Anlagen können diese Höhen nutzen und erzielen damit wirtschaftlich attraktive Erträge. In der Schweiz eignen sich dafür insbesondere das Jura, die Voralpen und die Alpentälern. 

Die Standortevaluation hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Heute lassen sich Windverhältnisse mit präzisen meteorologischen Modellen simulieren. Die Potenziale sind bekannt. Die Energieperspektiven 2050+ des Bundes geht von 4.3 Terawattstunden pro Jahr realisierbarem Windstrom aus.  

Mit rund 40 bis 50 modernen Windparks könnte die Schweiz dieses Ziel erreichen. Also keine flächendeckende „Verspargelung“, wie es viele Gegner befürchten, sondern gezielte Projekte an geeigneten Orten. 

Landschaftsschutz und Akzeptanz – das echte Spannungsfeld 

Das wohl wichtigste Gegenargument gegen Windkraft ist der Eingriff ins Landschaftsbild. Viele Menschen empfinden Windturbinen als störend, besonders in sensiblen oder touristischen Regionen. Diese Bedenken sind legitim. Die Schweiz lebt von ihrer Landschaft und ihren offenen Räumen. 

Gleichwohl hinterlässt jede Energieform ihre sichtbaren Spuren: 

  • Photovoltaik benötigt grosse Flächen, besonders wenn sie im Hochgebirge installiert wird. 
  • Biomasse braucht landwirtschaftliche Nutzflächen, die wir nicht wirklich haben und die in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen 
  • Wasserkraft beansprucht Täler und Flussläufe. 
  • Und fossile Importe verursachen CO₂ – nur eben unsichtbar, aber global wirksam. 

Die Frage lautet also nicht, ob wir Eingriffe akzeptieren, sondern welche und wo. Wenn Windkraft an ausgewählten, windreichen Standorten einen messbaren Beitrag zur Versorgungssicherheit leistet, dann ist sie auch ein Beitrag zum Schutz der Schweizer Landschaft. Sie verhindert, dass künftig noch stärkere Eingriffe an anderer Stelle mit anderen Technologien nötig werden. 

„Wenn nicht Wind – was dann?“ 

Diese Gegenfrage ist entscheidend. Wenn wir den Ausbau der Windkraft ablehnen, müssen wir uns ehrlich fragen: Was ist die Alternative? 

  • Mehr Photovoltaik in den Alpen? Ja, sinnvoll – aber begrenztes Flächenpotenzial und oft lange Bewilligungsverfahren. 
  • Biomasse? Wichtiger Baustein, aber ebenfalls stark limitiert durch Rohstoffverfügbarkeit. 
  • Neue Kernkraftwerke? Selbst wenn es politisch machbar wird, sind wir noch mindestens 15–20 Jahre vor einer Inbetriebnahme entfernt.  
  • Stromimporte? Immer unsicherer, vor allem im Winter, wenn auch die Nachbarn wenig Überschuss haben oder sogar selber Importeur sind. 

Wenn die Schweiz ihre Versorgungssicherheit und Souveränität behalten will, dann muss sie die inländische Energieproduktion im Winterhalbjahr ausbauen. Dabei ist die Windkraft eine der wenigen Technologien, die das auch wirklich leisten kann. 

Ein Baustein für Resilienz und Unabhängigkeit 

Windkraft wird nie die dominierende Energiequelle der Schweiz sein. Aber sie ist ein entscheidendes Puzzleteil in einem robusten, ausgewogenen Energiesystem. Sie trägt dazu bei, unsere Abhängigkeit zu verringern, die Winterlücke zu schliessen und das Gesamtsystem stabil zu halten. 

Die Energiewende braucht Realismus und Vielfalt: Wasser, Sonne, Wind, Biomasse – jede Quelle mit ihren Stärken. Wer nur auf eine Karte setzt, riskiert die Versorgungssicherheit. 

Gerade in einer Welt zunehmender Unsicherheiten ist es klug, Optionen zu haben. Windkraft ist eine davon. Sie ist technisch reif, ökologisch vertretbar und strategisch notwendig. 

Windkraft als Teil der Schweizer Souveränität 

Die Schweiz hat im Sommer genug Strom. Aber Souveränität entscheidet sich im Winter.  Eine Gesellschaft, die ihre Energieversorgung sichern will, muss fähig sein, auch unter widrigen Bedingungen stabil zu bleiben. Windkraft allein löst das Problem nicht vollständig! Dennoch ist klar, ohne Windkraft bleibt das Problem ungelöst. Sie steht nicht im Gegensatz zur Landschaft, sondern zu unserer Abhängigkeit. 

Es ist an der Zeit, die Diskussion sachlicher zu führen: weniger ideologisch, mehr strategisch. Denn wer im Winter genug Strom hat, behält die Kontrolle über seine Zukunft. 

3 Kommentare

  1. Die Grafik ist nicht hilfreich – jährliche, monatliche und gar tägliche Produktionskurven bilden die Flatterhaftigkeit der Windstrom-Produktion nicht ab. Dazu braucht es stündliche oder noch kürzere Intervalle. Es kommt immer wieder zu Dunkelflauten – ob kurz oder lang, stellen diese ein enormes Problem dar. Nur mit massiven Speicherkapazitäten, die es nicht gibt und noch lange nicht geben wird, könnte das Problem gelöst werden.

    „Könnte“ – aber das wäre so teuer, dass es keine valable Option darstellt.

  2. Ich kann das voll unterstützen.
    Wind ist eine Energiequelle die klever genutzt Stromverbrauchsspitzen abdecken kann. In Kombination mit flexibel geregelten Speicherkraftwerken und Pumpspeicherkraftwerken bin ich überzeugt, ist damit ein stabiles Netz realisierbar.
    Es braucht dazu die Zusammenarbeit unterschiedlicher Stromerzeuger, die Politik die notwendige Voraussetzungen schafft und eine Stimmbevölkerung, welche offen ist und seine eigene Zukunft in die Hände zu nehmmen.

  3. Das Günstige / Effizientes und Sicherste ist ein guter Mix – inkl. Importmöglichkeiten. Im Schweizer Mix fehlt bislang nun mal die Windkraft, die auch nachts im Januar blasen kann. Jedes Windrad „entlastet“ die Wasserspeicher, so dass diese auch noch später im Spätwinter/Frühling turbinieren können. Windkraft ist eine Beimischung, die hochgefahren werden muss. Entscheidender sind aber verlässliche, institutionell abgesicherte Importkapazitäten. Dann reduziert sich unser Schweizer Winterproblem auf ein deutsches Dunkelflauten-Problem – vorausgesetzt Deutschland macht jetzt seine Hausaufgaben. Daher ist die Einigung mit der EU-Kommission von Mitte Jan. 26 zur Kraftwerksstrategie und zu einem umfassenden Kapazitätsmechanismusim für die Schweiz alles andere als irrelevant. Auch wenn diese dann bis 2030-33 gebauten H2-ready Gaskraftwerke in Deutschland im worst case leeren Gasspeichern ausgesetzt wären, müsste aus Schweizer Sicht nur noch eine Dunkelflaute überbrückt werden, bis neE-Strom aus DE auch wieder – dank Stromabkommen – die Schweiz erreicht. Und das sollten wir können mit der Wasserkraft; und wir können es umso besser, je mehr man über den Winter die Wasserkraft nicht benötigt. Dazu helfen Windräder. Also besser Windräder im Markt, als Reservekraftwerke ausserhalb des Marktes, die dann aktiviert werden, wenn es Probleme gibt, aber die ja dann selbst Probleme haben, wenn wir uns auf Gas beziehen. Und ganz unausgesprochen bislang ist dabei noch die erwartete steigende Stromnachfrage.

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